Mein zweiter Jakobsweg und dritter Fernwanderweg! Es sollte aber einfach Urlaub werden: erholsam und voller Spaß – dafür taten wir auch alles. Lest im ersten von vier Teilen über unseren Weg aus der portugiesischen Großstadt Porto bis nach Rubiaes, einem Dorf etwa 20km von der Grenze entfernt.

Idee und Anreise

Nach dem Camino Frances 2018 und dem GR221 aus Mallorca im Frühjahr 2019 war völlig klar, dass auch für den Herbsturlaub 2019 ein Fernwanderweg auf dem Programm stehen würde. Und da das Gefühl, in Santiago de Compostela anzukommen so besonders ist, hatte ich mich bald mit Alexander, mit dem ich auch beide vorherigen Wege gegangen war, darauf verständigt, dass der portugiesische Jakobsweg eine gute Idee sei. Dieser führt über grob 250km von Porto über die portugiesisch-spanische Grenze bis nach Santiago. Für diesen Weg sprach zudem, dass er in etwa zwei Wochen bewältigt sein würde, also weder viel Zeit noch Geld benötigen würde. Ricki, mit der wir ein Jahr zuvor auch schon auf dem Camino Frances unterwegs waren, schloss sich ebenfalls an, sodass unser Camino-Team wiedervereint sein würde.

Am 07. September flog ich von Köln direkt nach Porto und wurde dort von Alexander in Empfang genommen, der bereits seit einigen Stunden da war und sich schon etwas in Porto umgesehen hatte. Gemeinsam richteten wir uns im Schlafsaal unserer Herberge ein und streiften noch etwas durch Porto, besorgten uns an der Kathedrale den ersten Stempel für unseren Pilgerpass und aßen schließlich noch zu Abend. Ricki würde erst am späten Abend eintreffen und hatte ein anderes Hostel gewählt.

Etappe 1: Porto – Facho (27km)

Gegen 9 Uhr starteten wir und trafen Ricki an der Kathedrale – nun konnte es los gehen! Der Weg aus Porto heraus war nicht so schlimm, wie es sonst in Großstädten ist. Das lag aber einfach daran, dass wir schlicht dem Verlauf des Rio Douro bis ans Meer und dann der Küste folgen mussten – wir hatten uns nämlich für die Küstenvariante der ersten Etappe entschieden. Am Forte de San Joao Baptista da Foz hatten wir die Mündung des Douro in den Atlantik erreicht und wanderten von nun an nordwärts die Küste entlang. Kurze Zeit später gelangten wir an die nächste Festung: Nachdem wir uns am großen Kreisverkehr beim Forte de Sao Francisco Xavier orientiert hatten, gelangten wir erneut zur Uferpromenade. Wir ließen es sehr entspannt angehen und gönnten uns recht bald sogar ein Eis, denn wir hatten beschlossen, diesen Camino mehr als Urlaub zu sehen. Das fiel angesichts des traumhaften Wetters und des anspruchslosen Wegs ohne Höhenmeter an diesem Tag nicht weiter schwer. Als wir ein kurzes Stück über den Sandstrand wandern mussten, beschwerte sich unsere Muskulatur dann aber doch – außerdem wurden wir von den Urlaubern angesehen, als kämen wir vom Mars… In Matosinhos holten wir uns in der Touristeninformation unseren nächsten Stempel ab und begaben uns sodann auch einen nicht übermäßig schönen Streckenabschnitt: Wir entfernten uns vom Wasser und der Jakobsweg führte durch Industriegebiet, über die Klappbrücke Ponte Movel, und dann über einen wenig attraktiven Kiesweg entlang der Straße – aber immerhin wieder am Wasser. Der Lohn dafür stellte sich jedoch sogleich ein, als wir den Leuchtturm Farol de Boa Nova erreichten: Nicht nur hatten wir einen traumhaften Ausblick über das Meer, sondern man kann dort auch eine malerisch gelegene Kapelle besuchen; was wir leider nicht taten. Von dort führte der Camino gute 10km über einen Holzsteg, mal durch Dünen, mal über den Strand – und das Gehen auf diesen Holzbohlen ist wirklich sehr angenehm und schonend für Muskeln und Gelenke! Zwischendurch passierten wir den Obelisco da Praia de Memoria, der mitten „im“ Holzsteg steht. Nach einer Mittagspause mit Sandwiches und Cola machten wir weiter gut Strecke, und beschlossen am Nachmittag, den Wandertag so langsam zu beenden und uns auf Herbergssuche zu machen. Und dann geschah etwas, was uns auf dem Camino Frances (außer in Santiago) nicht ein einziges Mal passiert war: Die erste Pilgerherberge hatte keine Plätze mehr für unsere Dreier-Gruppe! Um hierher zu gelangen, hatten wir den Hauptweg am Strand entlang verlassen und waren etwa einen Kilometer landeinwärts in das Dorf Vila Cha gegangen. Auf dem Weg zurück zum Meer klapperten wir noch einige andere Hostels ab, doch entweder waren diese belegt oder kein Ansprechpartner zu finden. Wieder am Meer, wanderten wir ein Stück weiter nach Facho und begaben uns dort zur Herberge. Hier war die Situation dann erstmal etwas unklar: Scheinbar hatte eine signifikante Anzahl an Pilgern im Vorhinein reserviert, war aber noch nicht eingetroffen. So standen wir gemeinsam mit bestimmt 10 weiteren Pilgern im Hof der Herberge und warteten, ob der Herbergsvater – der natürlich kaum bis kein Englisch sprach – uns dennoch aufnehmen würde. Nach fast einer halben Stunde Warterei, ergriff Ricki schließlich Initiative und ging mit Ausweis, Pilgerpass und Geld zum Herbergsvater an die „Rezeption“ und quartierte sich ein. Wir anderen folgten ihrem Beispiel und hatten so am frühen Abend endlich ein Bett. Später gingen wir noch mit zwei anderen deutschen Pilgern im Ort zum Abendessen. Das Highlight meines Tages lag aber noch vor mir: Mit katastrophalem WLAN kämpfend verfolgte ich bis spät in die Nacht (2 oder 3 Uhr), wie Rafael Nadal im Finale der US Open in heroischer Manier, den jungen Herausforderer Daniil Medvedev in die Schranken wies – und die ganze Zeit musste ich leise sein, schließlich schliefen alle um mich herum…

Etappe 2: Facho – Sao Pedro de Rates (20.5km)

Unsere erste Etappe war deutlich länger gewesen als geplant – durch die erfolglose Herbergssuche waren wir fast 30km gewandert und das direkt am ersten Tag. Ich war natürlich durch meinen fehlenden Schlaf ziemlich gerädert, aber extrem zufrieden. Weiter am Meer entlang vor allem über Holzstege wanderten wir an einem grauen Morgen los und erreichten nach 7km Vila do Conde. Dort frühstückten wir und verließen von dort aus die Küste – nun mussten wir die Verbindung zwischen Küsten- und Inlandsroute erwandern… Das Meer würden wir erst einige Tage später wiedersehen. Im weiteren Verlauf des Tages machte der Weg nicht wirklich Spaß: Landschaftlich gab es wenig bis gar nichts zu sehen und gewandert wurde in ungesund großem Maße über Kopfsteinpflaster. Hitzige Highlights war ein Aquädukt, dem wir mehrere Kilometer folgten und ein Alpaka/Lama, welches wir sahen. So waren wir sehr froh, als wir der weiteren Mittagshitze entgehen konnten und den Tag in Sao Pedro de Rates beendeten. Da der Tag uns nicht übermäßig begeistert hatte und wir den Urlaubsgedanken nicht aus dem Hinterkopf verloren hatten, verzichteten wir auf die Pilgerherberge zu Gunsten eines sehr großzügigen Apartments mit Terrasse. Am Abend gingen wir noch essen und wurden im Restaurant für die „Pilgersammlung“ des Lokals bei Facebook abgelichtet. Außerdem trafen wir einen ziemlich hässlichen Hund mit massivem Überbiss, den Ricki „Fränzchen“ taufte und – wie jeden anderen Hund auch – direkt ins Herz schloss. Ihr erfolgloser Versuch, einem Geldautomaten mittels ihrer Kreditkarte Geld zu entlocken, beschloss diesen Tag.

Etappe 3: Sao Pedro de Rates – Barcelinhos (15km)

Angesichts unseres Apartments und seiner Vorzüge kamen wir erst gegen halb 9 Uhr los und ließen es extrem ruhig angehen. Obwohl wir uns von unserer schönen Unterkunft hatten trennen müssen, herrschte sehr gute Laune, denn die Sonne schien und der Weg führte über weichen, aber nicht zu tiefen Weg. Als uns dann auch noch eine Schafherde über den Weg lief, wir die erste Distanzangabe bis Santiago (noch 208km) auf dem Caminho Portugues sahen, und ein kleines Cafe zum Frühstück fanden, war der Morgen endgültig perfekt. In den kleinen Weilern, durch die wir kamen, fielen uns die schönen Emailleschilder aus, die uns den Weg wiesen. Danach konnte es natürlich nicht derart super weitergehen, aber das gelegentliche Kopfsteinpflaster und das Laufen entlang der N-306 waren durchaus zu verkraften 🙂 Recht bald gelangten wir ins Stadtgebiet von Barcelinhos, wo wir an einem Spielplatz eine ausgedehnte Pause einlegten – dieser Caminho Portugues war ja schließlich Urlaub! Irgendwann rafften wir uns dann wieder auf und gingen entlang der Hauptstraße zur Herberge – jedoch nicht ohne einige Geldautomaten für Ricki durchzuprobieren, was leider erfolglos blieb; also versorgte ich sie von nun an mit Bargeld. Der Herbergsvater war äußerst freundlich und zuvorkommend, und auch die Unterbringung in einem 4er-Zimmer war äußerst komfortabel. Endlich konnten wir auch eine Jakobsmuschel für Alexanders Rucksack organisieren. Später überquerten wir noch den Rio Cavado, um nach Barcelos zu kommen – dort würde uns der Weg am nächsten Tag auch entlangführen – und dort gemeinsam mit der deutschen Pilgerin, die wir in Facho kennengelernt hatten und mit der wir uns nun das Zimmer teilten, zu Abend zu essen.

Etappe 4: Barcelinhos – Ponte de Lima (35.1km)

Diese Etappe sollte die längste des gesamten Caminos werden, immerhin 35km, aber bis zur Mittagszeit hatten wir noch überhaupt nicht in Betracht gezogen, so weit zu laufen. Aber der Reihe nach… Schon um halb 8 ging es los, zunächst über den Rio Cavado nach Barcelos, wo wir am Vortag schon zu Abend gegessen hatten, dann wurde Barcelos durchquert, natürlich nicht ohne Kirchen, Springbrunnen und das Stadttier (den Hahn) zu fotographieren 🙂 Nachdem wir das Stadtgebiet von Barcelos hinter uns gelassen hatten, wanderten wir wieder durch Felder und Wälder, ehe sich gegen halb 10 eine kleine Snackbar zum Frühstück anbot – ich glaube, das war in Vila Boa, aber man kommt mit den ganzen kleinen Dörfern und Weilern einfach unglaublich schnell durcheinander… Das Wetter war wieder optimal und Feldwege wechselten sich mit Abschnitten an der Straße entlang ab. Nacheinander passierten wir die Wegmarken für 189km und 180km. Gegen Mittag verließen wir den Weg bei Sao Bento kurz, um zum Mittagessen einzukehren. Hierbei beschlossen wir auch (aus irgendwelchen Gründen) bis Ponte de Lima zu laufen, also nochmal etwa 18km, die wir bereits hinter uns hatten. Da es zunehmend heiß wurde, und jeder sein eigenes Tempo gehen wollte, buchten wir drei Betten in einer Jugendherberge im Zielort und trennten uns. Beinahe ohne jeglichen Schatten ging es nun weitgehend über Kopfsteinpflaster weiter – einfach Augen zu und durch… Und so erreichten Alex und ich Ponte de Lima um 17.45 Uhr und checkten in der Jugendherberge ein; Ricki traf nur 30min später ein 🙂 Zum Abendessen gingen wir dann etwa einen Kilometer in den Ort, wo ein großer Jahrmarkt stattfand, hinein und suchten uns ein Restaurant, um uns für die Strapazen des Tages zu belohnen.

Etappe 5: Ponte de Lima – Rubiaes (17.7km)

Aufgrund des anstrengenden Vortages kamen wir erst gegen halb 10 los… Den Weg in den Ort rein kannten wir ja schon von unserer Suche nach Abendessen, aber diesmal überquerten wir auch die namensgebende Brücke über den Lima. Auf Feldwegen durch Weinlauben, Brombeerranken und Maisfeldern gelangten wir zur Autobahn, welche wir unterquerten – nicht ohne den Schatten der Brücke zu genießen, denn bedingt durch unseren späten Aufbruch war es bereits ziemlich warm geworden. Ich persönlich hatte bereits seit einigen Tage große Probleme am Sprunggelenk, die natürlich an dem Tag, an dem es zum höchsten Punkt des Caminos gehen sollte, besonders schlimm wurden… Glücklicherweise frühstückten wir um 11.30 Uhr dann und legten weniger als eine Stunde später eine weitere Pause in Codecal ein, was allerdings vor allem der Tatsache geschuldet war, dass es nun endgültig in den Aufstieg gehen sollte. Ab dieser vorerst letzten Einkehrmöglichkeit ging es dann auch tatsächlich stetig bergauf: zunächst auf asphaltierter Straße (ohne Schatten…), dann im etwas schattigeren Wald. Im Aufstieg hatte ich zum Glück keine Schmerzen, sodass ich diesen Wegabschnitt wirklich genießen konnte. Dennoch mussten wir alle 15min stehen bleiben und nach Luft schnappen – immerhin konnten wir so unsere unterschiedlichen Geschwindigkeiten ausgleichen. Der Schatten des Waldes hatte allerdings auch seinen Preis – hier war der Weg nämlich rutschig, steinig und uneben, sodass man sich bei jedem Schritt konzentrieren musste. 15min bevor wir den Alto da Portela Grande de Labruja – mit 400m der höchste Punkt des Caminos – erreichten, passierten wir das Cruz dos Franceses, welches quasi das Pendant zum deutlich bekannteren Cruz de Ferro auf dem Camino Frances darstellt. Am höchsten Punkt angelangt, wurden wir immerhin mit einer Quelle und Sitzgelegenheiten belohnt, ehe es dann an den Abstieg nach Rubiaes ging. Und bei diesem Abstieg streikte mein Sprunggelenk dann komplett, sodass ich nur noch im Schneckentempo hinterher schleichen konnte… Als wäre der Abstieg nicht schon belastend genug, kam dann auch noch mein geliebtes Kopfsteinpflaster wieder und gab mir völlig den Rest. Irgendwann hatten wir dann aber unsere Herberge „The Pilgrim Nest“ erreicht und konnten uns den klassischen Afterwork-Camino-Beschäftigungen widmen: duschen, schlafen, waschen, zu Abend essen. An diesem Tag aßen wir auch tatsächlich das erste und einzige Pilgermenü auf dem gesamten Camino!

Der kommende Wegabschnitt würde uns an die portugiesisch-spanische Grenze und wieder ans Meer führen – aber anders als gewohnt… Und auch sonst passierte auf den nächsten fünf Etappen eine ganze Menge – lest hier davon!

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